Postsowjetische Transformation im Südkaukasus – 25 Jahre Unabhängigkeit Georgiens

(Galyna Spodarets)

Bericht über das Treffen des AKs Osteuropa  Stipendiat*innen der FES am 19.-24.05.2016 in Georgien

Organisation: Yves Vincent Grossmann, Susanne Maslanka, Sema Güleryüz, Anneliese Felmet, Mareike Breda, Michael Meissner, Hanne Schneider, Galyna Spodarets

Im Mai 2016 führte das Orgateam des AK Osteuropa eine fünftägige Informationsreise nach Georgien durch. Georgien wurde nicht zufällig als Veranstaltungsort ausgewählt. Die Kaukasus-Region ist im Zuge politischer Entwicklungen der letzten Jahre für die Arbeit des AK Osteuropa immer interessanter geworden. Wie viele andere Länder in Osteuropa durchläuft auch das Land im Südkaukasus verschiedene postsowjetische Transformationsprozesse: Die Umstellung von einer Plan- auf eine Marktwirtschaft, die Wiederauferstehung der georgisch-orthodoxen Kirchen oder die Betonung der Nation als neues einigendes Element sind nur drei (Beispiel-)Aspekte.

Als Anlass zum Auslandstreffen nutzten wir das 25-jährige Jubiläum, das genau dieses Jahr im unabhängigen Georgien gefeiert wurde. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Sowjetunion bewegt sich das Land im Südkaukasus hin und her zwischen Europa und Russland. Georgier*innen bezeichnen ihr Land als den „Balkon Europas“, was zum Ausdruck bringt, dass sich viele zu Europa zugehörig fühlen. Zugleich unterhält Georgien enge wirtschaftliche Verbindungen zu Russland, trotz der eingefrorenen Sezessionskonflikte in Abchasien (1992-1993) und Südossetien (2008).

Obwohl Georgien aufgrund dieser „Frozen Conflicts“ international als vermeintlich instabiles Land wahrgenommen wird, erlebt es seit 2003 einen wirtschaftlichen Aufschwung. Das „Italien des Ostens“ hat sich zum Boomland entwickelt. Außenpolitisch bleibt Georgien dennoch weitgehend isoliert und unbekannt. Bereits auf dem AK Treffen in Bremen im März 2015 beschäftigten wir uns mit den aktuellen Konfliktlinien des Landes. Beim AK Treffen in Dresden im November 2015 wurde der Schwerpunkt auf die Sezessions- und Minderheitenkonflikte gelegt. Auf Basis dieser Themenbereiche wurde die Studienreise gestaltet, in der wir uns selbst einen Eindruck vom heutigen Georgien machten und erlebten, wie 25 Jahre Unabhängigkeit die Region geprägt haben: Neben einem Überblick über die innen- und außenpolitischen Lage, stand die Frage im Mittelpunkt, welche Rolle Minderheiten bzw. marginalisierte Gruppen in der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ und zivilgesellschaftlichen Beteiligung spielen.

In diesem Rahmen verbrachten wir fünf äußerst spannende Programmtage in Georgien, drei davon in der Hauptstadt Tbilisi und zwei Tage – im Rahmen inhaltlicher Exkursionen nach Gori und ins Pankissi-Tal, wo wir politische und zivilgesellschaftliche Akteur*innen trafen und Einblicke in die Rolle der Zivilgesellschaft und der marginalisierten Gruppen gewannen. Des Weiteren erfuhren wir mehr über interkulturelle Beziehungen mit ethnischen Minderheiten, den Umgang mit Binnenflüchtlingen und die Arbeit von LGBTI-Vertreter*innen.

Tag 1:

Anreise in Tbilisi – Ankommen – Kennenlernen – Einführung in das Programm

Der Arbeitskreis Osteuropa der FES landete am Donnerstag, den 19. Mai 2016 in Tbilisi, der Hauptstadt von Georgien. Wir versuchten, möglichst „gebündelt“ in Tbilisi anzukommen und nahmen den Anbindungsflug von Turkish Airlines in Istanbul. Vier Leute aus dem Orgateam kamen zwei Tage vor Veranstaltungsbeginn an, um sich ein Bild von der Lage zu machen und das Programm zu detaillieren.

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Am ersten Abend lernten wir uns kennen, stellten das Orgateam und das Programm vor und klärten organisatorischen Fragen.

Tag 2:

Gesprächspartner in Tbilisi: Deutsche Botschafterin Frau Bettina Cadenbach und Militärattaché Herrn Bernhard Hopp – Leiterin des FES-Büros Tiflis Julia Bläsius – Stadtführung

Der erste Programmpunkt am 20. Mai war ein Besuch der Deutschen Botschaft in Tbilisi. Dort unterhielten wir uns mit der Botschafterin Frau Bettina Cadenbach und dem Militärattaché Herrn Bernhard Hopp über die politischen Entwicklungen und das deutsche Engagement in Georgien.

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Nach einer rasanten Taxifahrt durch den dichten Verkehr der Stadt, besuchten wir das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung, das für den Südkaukasus zuständig ist. Die Leiterin des Büros, Julia Bläsius, stand unseren Fragen Rede und Antwort und zeigte uns die internationalen aber auch gesellschaftlichen Konflikt- und Kooperationsdiskurse im Südkaukasus auf.

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Nach einer Stadtführung, die uns mit einer Seilbahn- und Funikularfahrt die besten Aussichten auf Tbilisi gewährte, konnten wir unser Abendessen auf dem Heiligen Berg (Mtatzminda) über dem nächtlichen Tbilisi genießen.

Tag 3:

Sezessions- und Minderheitenkonflikte verstehen: Felsenstadt Uplisziche – Exkursion nach Gori – IDP Camp – NGO „Bridge of Friendship Kartlosi“ – Dschvari-Kirche – Swetizchoweli-Kathedrale

Unsere Exkursion führte uns über die antike Festungs- und Höhlensstadt Uplisziche nach Gori, den Geburtsort Stalins und einen zentraler Ort der Heldenverehrung, den die Entstalinisierung noch nicht wirklich erreicht hat. Dort besuchten wir das Stalinmuseum, tauschten uns zum Thema „Sezessionskonflikte“ aus und trafen uns, unter anderem, mit der NGO „Bridge of Friendship Kartlosi“, die der größte örtliche Ansprechpartner im Bereich Peacebuiliding ist.

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Auf dem Weg nach Gori sahen wir einige IDP Camps, die in den 90er Jahren im Zuge des Abchasien-Krieges provisorisch aufgestellt wurden, aber dann doch zu permanenten Wohnorten für Geflüchtete geworden sind. Außerdem besichtigten wir die Dschvari-Kirche und die Swetizchoweli-Kathedrale – die UNESCO-Kulturdenkmäler von Mzcheta, der antiken Hauptstadt Georgiens und des religiösen Zentrums des Landes.

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Der Tag gab uns Einblicke in die Geschichte und Kulturschätze des Landes, die uns bisher unbekannt waren und vermittelte Eindrücke von einer widersprüchlichen Erinnerungskultur. Während in Tbilisi überall Fahnen der EU zu sehen waren und das Nationalmuseum eine permanente Ausstellung zum Thema „1921-1991 Soviet Occupation Museum“ den Besuchern anbietet, ist für Gori die Gestalt des „Vaters der Völker“ Soso Dzhugashvili – alias Joseph Stalin – zentral.

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All dies spiegelt das starke Spannungsverhältnis zwischen einer politischen Orientierung (Assoziierungsvertrag mit der EU), wirtschaftlicher Entwicklung (Bezeichnung als eines der fortschrittlichsten Länder der ehemaligen UdSSR) und fehlender Geschichtsaufarbeitung wider.

Leckere lokale Spezialitäten rundeten den Abend ab.

Tag 4:

Sezessions- und Minderheitenkonflikte verstehen: Ausflug in das Pankissi-Tal

Auf dem Programm stand ein Ausflug in das Pankissi-Tal.

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Die Fahrt von Tbilisi aus dauerte mit dem gemieteten Bus zweieinhalb Stunden. Auf dem Weg besuchten wir die mittelalterliche Weinakademie Ikalto, erreichten den höchsten Punkt des Gombori-Ranges, fuhren durch steile Berghänge und wurden anschließend in Akhmeta von unseren Gesprächspartner*innen von „Regional Development Foundation in Kakheti“ (KRDF) herzlich empfangen.

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Im Pankissi-Tal, wo unser Treffen stattfand, gibt es 12 Dörfer, 95% davon bewohnen die Kisten. Die Kisten sind eine ethnische muslimische Minderheit, ein Brudervolk der Tschetschenen, von denen es nur ca. 8.000 gibt. Sie wohnen abgeschottet im Tal, haben ihre eigenen Traditionen und Gesetze und ordnen sich einem Ältestenrat unter. Ein Frauenrat ist eine Neuerscheinung, die sich erst im Laufe der letzten Jahre durchgesetzt hat. Die Mehrheit der Bevölkerung orientiert sich zwar an einer radikalen wahabitischen Strömung, jedoch ist die Landschaft so wunderschön, dass man nicht mehr weg will. Darüber hinaus fesselte uns der wunderbare, tschetschenische Tschak-Tschak-Kuchen und die örtlichen Süßigkeiten, die die Dorfgemeinschaft extra für unsere Teilnehmer*innen vorbereitet hat.

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Nachmittags rief uns dann eine Weinprobe wieder ostwärts in die kakhetische Hauptstadt Telawi. Die dortige Präsentation im Weingut Shumi rundete dann unseren vierten Tag erfolgreich ab.

Tag 5:

Gesprächspartner in Tbilisi: William Boyd und Dr. Kaupo Känd vom EUMM – NGO „Civil Forum for Peace“ – NGO „SIQA“ – NGO „CISV Georgia“ – NGO „EMT“ – NGO „LGBT Georgia“

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Morgens trafen wir uns im Headquarter der European Union Monitoring Mission mit William Boyd (EUMM Monitor, Reporting and Information Officer) und Dr. Kaupo Känd (Head of Analytical Reporting and Outreach Department). Das Gespräch gewährte den Teilnehmer*innen einen wertvollen Einblick in das größte Problem Georgiens – das Entstehen der abtrünnigen Regionen Abchazien und Südossetien als Folge der Kriege gegen Russland von 1992-1993 und 2008.

Der Rest des Tages stand ganz unter dem Zeichen des zivilgesellschaftlichen Sektors. Wir lernten die Arbeit von fünf weiteren georgischen NGOs kennen: „Civil Forum for Peace“ (Georgian and Ossetian Dialogue), „SIQA“ (Georgian Association of Educational Initiatives), „CISV Georgia“ (Building Global Friendship), „EMT“ (Education and Management Team) und „LGBT Georgia“ (die in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft mit vielen Vorurteilen zu kämpfen hat und sich für homo-, bi- und transsexuelle Menschen einsetzt).

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Auch wenn die Unterschiede zwischen der Arbeit der Regierungs- und der Nichtregierungsorganisationen im Bewusstsein der georgischen Bevölkerung noch nicht tief verwurzelt zu sein scheinen und unsere Referent*innen bis heute mit den Fragen à la „Why do you let them use you?“ oft genug konfrontiert werden, leisten die NGOs einen großartigen Beitrag für die Stärkung der Zivilgesellschaft, die Rechte von Minderheiten und marginalisierten Gruppen. Sie alle fördern den Dialog zwischen Menschen, Regionen und Ethnien, bieten Bildungsangebote an und vermitteln freiheitliche demokratische Werte.

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Nach dem Abendessen führte die Seminarleitung ein kurzes Quiz rund um die erlernten Inhalte und Themen und eine gemeinsame Evaluationsrunde durch. Das Treffen wurde von den Teilnehmenden als sehr positiv evaluiert. Es wurden lediglich wenige Umstände (wenig Zeit für die Reflexion, 1 Tag Vorbereitungstreffen vor Ort einplanen) angemerkt. Die Teilnehmer*innen waren zu den Terminen mit unseren Gesprächspartnern vor Ort gut vorbereitet, u.a. weil das Orgateam im Sinne der Vorbereitung einen umfassenden Reader zum Thema der Reise erstellte. Für die einzelnen Themenblöcke wurden Expert*innen ausgewählt, die das jeweilige Thema speziell für die Exkursion vorbereiteten, d.h., dass jede*r Teilnehmer*in eine besondere Verantwortung für einen der Gesprächstermine getragen hat, indem vor jedem Termin oder Ausflug ein kleines Input-Referat gehalten wurde. Dank der frühzeitigen Vorbereitung (Reader und Blogbeiträge) konnten die Teilnehmer*innen auf speziell vorbereitetes Hintergrundwissen zurückgreifen und aktiv an den Diskussionen teilnehmen.

Besonders freut es uns, dass die Zusammenarbeit der aktuellen und ehemaligen Stipendiat*innen hervorragend funktionierte. Auch viele neue Gesichter stoßen zum ersten Mal beim AK Osteuropa hinzu, worüber wir uns sehr freuten.

Das Treffen in Georgien mit 3 Tagen in Tbilisi und 2 inhaltlichen Exkursionen in die umliegenden Regionen war ein Erfolg. Insbesondere das Konzept die Aktivität mit Inhalt und auch mit der AK-Arbeit zu verbinden, traf auf viel Zustimmung.

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Der Dank des Orga-Teams gilt Marina Pachotnikov für die inländische Betreuung und an Giorgi Nanobashvili für die tatkräftige Unterstützung vor Ort.

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