Einblicke in ein Land „das so groß ist wie Bayern, eine Einwohnerzahl wie Berlin und das Bruttoin-lands von Karlsruhe hat“

– Unser Besuch in der Deutschen Botschaft in Tbilisi am 20. Mai 2016

(Susanne Maslanka)

Am ersten Programmtag des Treffens des Arbeitskreises Osteuropa der FES stand ein Besuch in der Deutschen Botschaft auf dem Plan. Bereits der Weg zu dem Treffen war spannend: In drei Taxis wurden wir durch den dichten Verkehr Tbilisis gefahren bis wir an der uns genannten Adresse ankamen. Die Verwirrung war groß: Wir fanden dort kein prachtvolles Botschaftsgebäude vor sondern ein von Bauzaun umzäuntes geschlossenes Hotel. Nach kurzen Orientierungsschwierigkeiten entdeckten wir die deutsche und die EU-Flagge und wir wussten, hier, im Sheraton Metechi Palace Hotel, sind wir richtig. Im Gespräch mit der Botschafterin erfuhren wir, dass die deutsche diplomatische Vertretung dort untergebracht ist, seitdem das vormalige Botschaftsgebäude nach einem Erdbeben zu heftige Schäden erlitten hatte.

Das sich im Umbau befindende Sheraton Metechi Palace Hotel beherbergt die deutsche Botschaft

Das sich im Umbau befindende Sheraton Metechi Palace Hotel beherbergt die deutsche Botschaft

Obwohl die Unterbringung der deutschen diplomatischen Vertretung in Georgien nicht besonders repräsentativ ist, ist Georgien ein langer und wichtiger Partner Deutschlands, wie uns die Botschafterin Frau Bettina Cadenbach versicherte. Bereits 1918, als sich Georgien zum ersten Mal unabhängig erklärte, wurde das Land vom deutschen Reich rasch anerkannt. Nach der Unabhängigkeitserklärung Georgiens im Jahr 1991 war Deutschland das erste Land, das Georgien offiziell anerkannte, weshalb die Autos der deutschen Diplomat*innen mit der Nummer 1 auf ihren Kennzeichnen geschmückt sind.

Die deutsche Botschaft ist daher schon seit 25 Jahren in Georgien aktiv und konzentriert sich in der Zusammenarbeit auf verschiedene Bereiche: Wirtschaft, Kultur und Politik. Auf wirtschaftlicher Ebene versucht die deutsche Seite Standortmarketing für Georgien zu betreiben. Es werden gemeinsam mit georgischen Partnern verschiedene Strategien entwickelt, um die kleine Kaukasusrepublik attraktiv für deutsche Firmen zu machen (place branding). Zudem ist Georgien ein Absatzmarkt für deutsche Produkte, die dort sehr gut ankommen. Deutsche Kulturarbeit macht die Auslandsvertretung meistens gemeinsam mit dem Goethe-Institut in Tbilisi. So wird im Moment beispielsweise der hochgelobte Roman „Das achte Leben“ der in Deutschland lebenden georgischen Schriftstellerin Nino Haratischwili vom Deutschen, ihrer Arbeitssprache, mit finanzieller Unterstützung ins Georgische übersetzt. Zudem werden verschiedene Konzerte veranstaltet und Schulen oder kleine Projekte im Land unterstützt.

Nino Haratischwilis Buch wurde mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet- Auf Georgisch ist es bisher noch nicht erschienen. Dies wird aber bald soweit sein – mit freundlicher Unterstüt-zung der Deutschen Botschaft Tbilisi

Nino Haratischwilis Buch wurde mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Auf Georgisch ist es bisher noch nicht erschienen. Dies wird aber bald soweit sein – mit freundlicher Unterstüt-zung der Deutschen Botschaft Tbilisi

Georgien spielt auch geostrategisch eine große Rolle, da es sich als Nachbar Russlands in die euro-atlantischen Strukturen integrieren will und zum Teil bereits integriert ist, was von der Botschafterin sehr begrüßt wird. Frau Cadenbach berichtet auch über viele positive Reformentwicklungen des kleinen Landes, auch wenn es noch viel zu tun gibt. Positiv bewertet sie, wie sehr viele unserer Gesprächspartner, die unter Michail Saakaschwili durchgeführte Polizeireform, die die Korruption in Georgien erfolgreich bekämpfen konnte. In anderen Bereichen wird das Erbe des zunächst im Westen sehr hoffnungsvoll begrüßten Ex-Präsidenten, der sich zur Zeit in Odessa als Gouverneur betätigt, sehr kritisch gesehen. Nach dem Machtwechsel der Jahre 2012 und 2013 blicken nun alle Beobachter gespannt auf die Parlamentswahlen im Oktober dieses Jahres und hoffen auf einen friedlichen Wahlausgang.

Der in der Ära Saakaschwili (2004-2013) erbaute Präsidentenpalast. Die Glaskuppel steht symbolisch für die Transparenz, die seine Reformen dem Land bringen sollte.

Der in der Ära Saakaschwili (2004-2013) erbaute Präsidentenpalast. Die Glaskuppel steht symbolisch für die Transparenz, die seine Reformen dem Land bringen sollte

Nachdem die Botschafterin uns wegen eines anderen Termins verlassen musste, hatten wir die Möglichkeit, uns mit Militärattaché Oberstleutnant Bernhard Hopp über die politischen Entwicklungen in Georgien und über Minderheitenrechte auszutauschen. Herr Hopp ist ein Kenner Georgien, da er seit mehr als zehn Jahren auf verschiedenen Posten mit Georgien zu tun hat und sogar georgisch spricht. Von ihm erfuhren wir, dass es in Georgien einige ethnische Minderheiten gibt: Es gibt eine große russische, armenische und aserbaidschanische Minderheit, darüber hinaus lebt in Georgien die Volksgruppe der Kisten, die enge Verbindungen zur tschetschenischen Minderheit in Russland hat. Zudem leben in Georgien jüdische, griechisch-orthodoxe, abchasische und ossetische Menschen. Herr Hopp gab uns auch ausführlich über die Situation von LGBTQI- Personen Auskunft, die in Georgien sehr bedenklich ist.

(Unser Gastgeber würzte zu unserer Freude unsere Diskussion mit einigen Sprüchen aus seinen persönlichen georgischen Erfahrungen, so erfuhren wir, dass Georgien nur so groß wie Bayern ist, dabei die Einwohnerzahl von Berlin erreicht, das Bruttoinlandsprodukt aber nur so groß ist wie die Wirtschaftskraft von Karlsruhe. Herr Hopp macht uns auf die stark patriarchalischen Strukturen der georgischen Gesellschaft aufmerksam, die sehr eng mit der großen Macht der Kirche in Georgien zusammenhängen. Ein beliebter Trinkspruch, den seine georgischen Freunde nicht so gerne hören, lautet folgendermaßen: „Trinken wir auf die georgischen Frauen! Wenn 50% der georgischen Männer Frauen wären, wäre das Land schon viel weiter.“ Zu guter Letzt sprachen wir über das große Selbstbewusstsein des „georgischen Mannes“, das dazu führt, dass auch die georgischen Politiker (mehrheitlich Männer) sich gerne selbst überschätzen. Aus georgischer Perspektive sollte ihr Land bei den ganz großen mitspielen – auf Augenhöhe mit den USA und der EU. Denn wenn dein Freund groß ist, bist du selbst groß.)

Das Gespräch mit Frau Cadenbach und Herrn Hopp war sehr informativ und spannend und stellte mit der guten Mischung aus einem kurzen Überblick über die politische Situation in Georgien, deutsch-georgische Beziehungen, Minderheiten in Georgien und eindrücklichem Insiderwissen über die georgische Gesellschaft einen sehr geeigneten Einstieg in unser abwechslungsreiches Programm dar. Viele der Erfahrungen und Sprüche Herrn Hopps dienten uns zudem als Trinksprüche bei unseren schönen georgischen Abenden.

Hier ein paar Vertreter*innen des AK Osteuropa

Hier ein paar Vertreter*innen des AK Osteuropa nach dem Termin in der Deutschen Botschaft in Tbilisi

 

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