Gibt es einen „hybriden Krieg“? Zu den sicherheitspolitischen Implikationen aus der inflationären Verwendung des Begriffs seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise. Eine Hausarbeit von Elen Budinova

Einleitung: Die Krim-Annexion im März 2013 und die darauffolgende Unterstützung prorussischer separatistischer Kräfte in den östlichen ukrainischen Verwaltungsbezirken Donezk und Luhansk seitens Russlands haben zu einem krisenhaften Zustand der Ukraine geführt. Ferner lässt sich seit dem Ausbruch der Krise ein quantitativer Anstieg der wissenschaftlichen, militärstrategischen und journalistischen Auseinandersetzung mit dem Thema „hybrider Krieg“ beobachten. Der Begriff zeichnet sich durch eine gefährliche Schattenhaftigkeit aus, die die Verwischung der Grenzen zwischen Krieg und Frieden impliziert (vgl. Schmid 2016: 115). Diese unscharfen Trennlinien manifestieren sich in einer dynamischen und kreativ synchronisierten Mischformel aus vielfältigen Arten der Kriegsführung, wobei traditionell als nicht-militärisch begriffene Methoden zum Ziel der Destabilisierung von der gegnerischen Partei einen hohen Stellenwert einnehmen (vgl. Hoffman 2007: 14).

Hybridität ist heutzutage zu einem Schlagwort geworden, das als eine Diagnose von den neusten sicherheitspolitischen Herausforderungen im Zentrum der Debatte um den Formenwandel der Kriegsführung im 21. Jahrhundert platziert wird. Im gleichen Atemzug wird das russische Vorgehen während der andauernden Ukraine-Krise als Leitbild der Implementierung einer „hybriden“ Strategie im öffentlichen Diskurs der NATO-Staaten präsentiert. Dabei wird Kremls Strategie mit sowohl verdeckter militärischer Involvierung als auch der Verbreitung von Desinformationen zum Zweck der Meinungsmanipulation in Verbindung gebracht. Die militärischen, zuerst auf der Krim und dann auch im Osten der Ukraine stationierten Kräfte ohne Hoheitsabzeichen- die nach der Farbe ihrer Uniform ironisch genannten „grünen Männchen“ (vgl. Giegerich 2016: 65) – sowie die im Internet operierende Propagandamaschinerie des Kremls, nämlich „Putins Troll-Armee“, dienen als Versinnbildlichung der russischen Taktik. Auf dem ersten Blick scheint die Subsumierung russischer Aktionen unter dem analytischen Rahmen des Konzepts vom „hybriden Krieg“ eine logische Interpretation zu sein. Sie hat auch zu einer Kettenreaktion der Verabschiedung von neuen strategischen Entwürfen in den Nordatlantikpakt Organisation (NATO)-Kreisen zum Zweck der zeitnahen Implementierung von Gegenmaßnahmen beigetragen (vgl. ebd.). Im Gegensatz dazu wird der Westen als ein „hybrider“ Akteur, der Länder mit Hilfe von Regimestürzen destabilisiert, in Russland betrachtet (vgl. Gerassimow 2017).

Das exponentielle Wachstum der Anzahl an Publikationen rund um das Thema „hybrider Krieg“ bedeutet aber nicht unzweifelhaft, dass die Qualität der darin ausgeführten Analysen auf so einem hohen Niveau ist wie ihre Quantität. Zu den Hauptaufgaben einer kritischen  Wissenschaft zählt, im menschlichen Verstand etablierte Konstrukte näher zu untersuchen und ferner sie auch zu hinterfragen, damit keine irreführenden Schlussfolgerungen gezogen werden, die potentielle negative Konsequenzen hervorrufen könnten. Von dieser Überzeugung ausgehend, fällt der Forschungsfokus in der vorliegenden Arbeit auf die kritische Diskursanalyse des verbreiteten Gebrauchs vom Begriff „des hybriden Krieges“ seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise und der daraus folgenden Implikationen für die Rekonstruierung von Legitimationswegen, die sicherheitspolitische Maßnahmen rechtfertigen. Die Untersuchung erfolgt in drei Schritten, die auf die Beantwortung der folgenden Forschungsfrage konzentriert ist:

Warum ist es (un)angemessen, den Begriff „des hybriden Krieges“ in sicherheitspolitischen Debatten aufzunehmen?

In Anbetracht des Forschungsvorhabens werden nicht nur durchgängige Interpretationen von Vertretern des Konzepts, sondern auch kritische Analysen als Literaturquellen benutzt. Sowohl Beiträge von Militärstrategen als auch von Analytikern in Bereichen der politischen Beratung, Vermittlung und Forschung kommen infrage, damit eine Skizzierung der sicherheitspolitischen Diskursen in NATO-Staaten und in Russland ermöglicht wird und entgegengesetzte Positionen bezüglich der Forschungsfrage gegenübergestellt werden.

Im Kapitel 2. wird die Genese vom Begriff des „hybriden Krieges” verfolgt. Dabei werden sicherheitspolitische Herausforderungen im 21. Jahrhundert thematisiert. Parallel dazu erfolgt eine grobe Darstellung der Charakteristiken von einigen Kriegsführungsformen, die in der Definition „des hybriden Krieges“ auch präsent sind, sowie eine kurze Vorstellung von thematisch verwandten Konzepten, die sich auch zu der Erforschung eines aktuellen Kriegswandels bekennen. Danach werden Kernaussagen aus der Definition vom „hybriden Krieg“ dargestellt und ferner im Unterkapitel 2.3. kritisch im Hinblick auf ihre Implikationen für die internationale Sicherheit betrachtet.

Nach dem theoretischen Überblick erfolgt die empirische Untersuchung der Debatten in NATO sowie in Russland mit Rücksicht auf die Adoption vom Begriff „des hybriden Krieges“ in entscheidungspolitischen und militärstrategischen Prozessen. Dadurch wird sich feststellen, wie das theoretische Konzept an empirisch untersuchende Legitimationsnarrative zum Zweck der Adoption von sicherheitspolitischen Reformen und neuen Militärstrategien nach dem Ausbruch der Ukraine-Krise angepasst wird. Im Unterkapitel 3.3. wird eine alternative Sichtweise angeboten, die die aufgestellten Thesen sowohl im westlichen als auch im russischen Diskurskontext zu widerlegen in der Lage ist und die Angemessenheit der bereits verabschiedeten sowie zukünftig geplanten sicherheitspolitischen Maßnahmen in NATO-Ländern und in Russland kritisch evaluiert.

Der darauffolgende analytische Teil beschäftigt sich mit der Ausführung der Ergebnisse aus den oben dargestellten Untersuchungslinien. Es geht um die Bestimmung der Kapazität vom Konzept „des hybriden Krieges“ zur Erklärung der Konfliktdynamiken in der Ukraine sowie um kritische Schlussbemerkungen im Zusammenhang mit einigen im Laufe der Diskursen- Analyse identifizierten Problemstellungen aufgrund der unbedachten Begriffsverwendung.

Weiterlesen: Elen Budinova_Gibt es den hybriden Krieg?

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