Auf den Spuren der Sudeten: Dittersbach

Von Tobias Endrich
Der Ort Jetřichovice (deutsch: Dittersbach) war seit dem 19. Jahrhundert als Sommerfrische mit einer beachtlichen Zahl an Gasthäusern von touristischer Bedeutung und ist auch heute noch als Ausgangspunkt für Wanderungen beliebt. Auch Rainer Maria Rilke besuchte während eines Urlaubs den dortigen Pfarrer, von dessen hingebungsvoller Gartenarbeit er ebenso angetan war wie von den Kochkünsten der (hübschen) Haushälterin.
Eingangstor zur Kirche in Dittersbach. (Foto: Michael Meißner, 2018)
Das Dorf wurde im 14. Jhd. im Zusammenhang mit der nahe gelegenen Burg Falkenstein und der Handelsstraße zwischen Böhmen und Sachsen gegründet. Das Wasser des Baches Jetřichovická Bělá wurde zur Energiegewinnung genutzt, Landwirtschaft und Weberei bildeten die Haupteinnahmequelle der Bevölkerung. 1778 wurde die Ortschaft von preußischen Truppen geplündert. Im 19. Jhd. wurde das Gebiet durch den Bau von Brücken und Wanderwegen touristisch erschlossen.
Die Grabsteine geben nicht nur Auskunft über die Lebensdaten, sondern auch über den ausgeübten Beruf. (Foto: Michael Meißner)
Der Friedhof, neben der dem Heiligen Nepomuk gewidmeten Kirche (1752 zunächst als Kapelle erbaut) oberhalb des Ortes, ist einen Abstecher wert. Die dortigen Gräber wirken auf uns mit ihren Inschriften über berufliche und familäre Stellung wie ein eingefrorenes Bild der damaligen gesellschaftlichen Struktur des Ortes und hinterlassen das Gefühl, dass der Wirtsberuf vor hundert Jahren an Prestige schwer zu überbieten war.
Friedhof in Dittersbach. (Bild: Michael Meißner, 2018)
Ein imposantes „Sommeranwesen“, das sich nahe der Ortschaft in den Wald und dahinterliegenden Hügel einschmiegt, wurde 1927 als Kindererholungsheim errichtet (bis 2005 in Betrieb). Es ist heute dem Verfall preisgegeben und könnte als Kulisse für einen Horrorstreifen dienen, wäre nicht das Wetter so herrlich.

Auf den Spuren der Sudeten: Erkundungen im Deutsch-Böhmischen Grenzraum

Blick über das Zappenland in der Böhmischen Schweiz (Foto: Michael Meißner, 2018)

 

von Kristin Eichhorn

Das deutsch-tschechische Grenzgebiet ist insbesondere im Bereich der Sächsischen/Böhmischen Schweiz ein bekanntes Ziel für Wanderer und Touristen. Allerdings befassen sich hierbei vermutlich nur Wenige mit der bewegten Geschichte der Region. Die Mitglieder des Vereins novOstia e.V. haben sich im Rahmen von zwei Wanderungen auf Spurensuche begeben und sind dabei nicht nur auf die idyllischen Felsformationen der Region gestoßen, sondern konnten auch einige historische Orte ausfindig machen.

Ausgangspunkt der Wanderungen war jeweils Vysoká Lípa (deutsch Hohenleipa).

 

Vysoká Lípa (Bild: Michael Meißner, 2018)

 

Die erste Wanderung (Bild anklicken zur Darstellung der Route) führte uns  entlang eines früheren Kirchweges zur Wüstung der Grundmühle, vorbei an der Quelle des heiligen Hubert zur Alten Mühle und nach Jetřichovice (deutsch: Dittersbach). Hier ist ein Zwischenhalt an der Kirche und dem Friedhof des Dorfes sehr empfehlenswert.

Alte Mühle – damals und heute. (Bild: Michael Meißner, 2018)

Danach ging es weiter zu den Aussichtspunkten Mariina skála und Vilémina stěna. Von beiden Aussichtspunkten genießt man einen wunderschönen Ausblick über das gesamte Zappenland. Eine längere Rast mit Einkehr haben wir uns an den Balzhütten gegönnt. Von da aus ging es dann mit Zwischenstopp an einem weitern Aussichtspunkt zurück nach Hohenleipa.

Die zweite Wanderung war etwas kürzer und führte uns über die Felsenburg Šaunštejn (deutsch Schauenstein) und das kleine Prebischtor nach Hinterdittersbach und zurück nach Hohenleipa.

Blick vom Rudolfstein . (Bild: Michael Meißner, 2018)

Wir bedanken uns bei Michael Meissner für die gute Vorbereitung der Routen!

 

 

Auf den Spuren der Sudeten: Hinterdittersbach

von Marcel Krönert

Hinterdittersbach (tsch. Zadni Jetrichovice) war bis 1945 ein Knotenpunkt des Tourismus in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz. Die Siedlung liegt am böhmischen Ufer der Kirnitzsch, die – bis dahin Grenzbach – 500 Meter bachaufwärts nach Sachsen reinfließt. Die dem Ort zugehörige Brücke lässt sich auf Karten bis in das Jahr 1592 zurückverfolgen, auch weil sie zu der damals militärisch und wirtschaftlich wichtigen Böhmerstraße gehörte. Auf einer Karte der Herrschaft Kamnitz aus dem Jahr 1794 wird sie zusammen mit der sogenannten Kirnitzschschänke abgebildet, welche später zum zentralen Anlaufpunkt für Wanderer werden sollte.

Brücke über die Kirnitzsch. (Bild: Marcel Krönert, 2018)

Zum Ort zählten weiterhin das Kinskysche Hegerhaus, das Gasthaus „Waldfrieden“ sowie das Clary’sche Jagdhaus (ab 1903). Da die Kirnitzschschänke den meisten bekannt war und auch in jeder Karte Erwähnung fand, wurde umgangssprachlich die gesamte Siedlung nach ihr benannt. Seinen Ursprung hatte Hinterdittersbach wohl als saisonaler Aufenthaltsort für Forstpersonal und Waldarbeiter. In einer Aufzeichnung des Topografen Sommer aus dem Jahr 1833 werden vier Häuser und 24 Einwohner genannt.  Es ist davon auszugehen, dass in den Sommermonaten täglich ein Vielfaches dieser Einwohnerzahl der Siedlung einen Besuch abstatteten.

Hinterdittersbach – damals und heute. (Bild: Michael Meißner, 2018)

Der Fremdenverkehr in der Region entwickelte sich allerdings erst im ausgehenden 19. Jahrhundert.  Dieser Entwicklung war der Bau einer Eisenbahnlinie durch das Elbtal im Jahr 1851 vorausgegangen. 1888 wurde die Böhmerstraße zur Bezirksstraße. Sogar eine Straßenbahn von Bad Schandau bis zur Kirnitzschschänke sollte gebaut werden, diese Linie reichte später jedoch nur bis zu den Lichtenhainer Wasserfällen.

Das für Wanderer Besondere an Hinterdittersbach war, dass hier die Touristenwege von Dittersbach (Jetrichovice), Hohenleipa (Vysoka Lipa), Rainwiese (Mezni Louka), der Unteren Schleuse und dem Zeughause, von Hinterhermsdorf und aus dem Khaatale (Kyjovske udoli) zusammen trafen. In der Kirnitzschschänke war 1896 auch eine Auskunftsstelle des Gebirgsvereines zu finden, 1912 dann im Gasthaus „Zum Hirsch“. Außerdem gab es ein Kindererholungsheim.  Da die Böhmerstraße schon seit Jahrhunderten die Grenze zwischen den Herrschaften Kamnitz und Binsdorf bildete und mitten durchs Dorf verlief, gehörten auch die Häuser auf den beiden Seiten jeweils unterschiedlichen Gemeinden an.

Hinterdittersbach – damals und heute. (Bild: Michael Meißner, 2018)

Bei der Ankunft der novOstia Mitglieder in Hinterdittersbach waren von diesen Häusern bis auf wenige Grundmauern nichts mehr zu sehen.  Einzig durch die noch rudimentär vorhandenen Wege, die teils eingestürzte Kellergewölbe und die in Reihe gepflanzten aber inzwischen verwilderten Bäume ließ sich die Siedlungsstruktur erahnen. Nach 1945 wurden die Einwohner aus dem Ort vertrieben und die Häuser teilweise zerstört. Noch bis 1956 wurde das Kindererholungsheim genutzt, die ganze Region jedoch vermutlich mit dem Aufstand in Ungarn von 1956 massiv abgeriegelt. Damit verfielen auch die restlichen Gebäude. Heute ist nur noch die Kirnitzschbrücke vorhanden. Sie ist seit dem 28.10.2003 offizieller Grenzübergang und erfreut sich dank des wieder einsetzenden Tourismus steigender Beliebtheit.

Grundmauern in Hinterdittersbach. (Bild: Michael Meißner, 2018)

Auf den Spuren der Sudeten: Die Grundmühle

Grundmühle (Dolský Mlýn) im Tal der Kamnitz (Kamenice); (Bild: Michael Meißner, 2018)

 

Von Kristin Eichhorn

Die Grundmühle erreicht man auf gut ausgebauten Wanderwegen von Dittersbach und Hohenleipa.

Die Grundmühle – damals und heute. (Bild: Michael Meißner, 2018)

Bereits im 16. Jahrhundert wurde die Grundmühle urkundlich erwähnt und von da an kontinuierlich ausgebaut. Zu den Mühlengebäuden kamen eine Gärtnerei, eine Bäckerei und eine Branntweinbrennerei in Nebengebäuden. Mit zunehmender Bedeutung der Region als Ausflugsziel für Wanderungen und Kahnfahrten im 19. Jahrhundert gewann der Betrieb der Gastwirtschaft an Bedeutung. Zu dieser Zeit lebten 24 Menschen in der Siedlung.

Die Grundmühle – damals und heute. (Bild: Michael Meißner, 2018)

Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zur Vertreibung der Sudetendeutschen Bewohner. Besonderheit der Grundmühle ist, dass diese von 1696 bis zur Vertreibung durchgehen im Besitz eine Familie war.  Nach der Vertreibung wurden auch die touristischen Kahnfahrten eingestellt und die Mühle verblieb unbesiedelt.

 

Im Türsturz ist das Jahr 1727 verweigt (Bild: Michael Meißner, 2018)

In Tschechien erlangte die Grundmühle bescheidene Bekanntheit, da sie Schauplatz zweier Märchenfilme war.  Im Film „Die stolze Prinzessin“ (1952) kann man sich noch einen Eindruck über die gut erhaltenen Innenräume der Mühle verschaffen.  Danach wurde der Dachstuhl der Mühle durch einen Brand zerstört und beschleunigte so den Verfall. Der Film „Der verlorene Prinz“ (2008) zeigt bereits die Ruine ohne Dach.

Die Grundmühle. (Bild: Michael Meißner, 2018)

Wir fanden vor Ort eine sehr gut erhaltene Wüstung vor. Dies liegt vor allem an einer Bürgerinitiative, die sich seit 2008 für den Erhalt einsetzt und regelmäßig Arbeitseinsätze organisiert und Restaurationen vornimmt.

Zurückgebliebene Mühlsteine zeugen von der Geschichte der Gebäude. (Bild: Michael Meißner, 2018)

AK Osteuropa in Minsk: Gedenkstätten Malyj Trostenez und Blagowschtschina – Holocaust- Erinnerungskultur in Belarus

von Elena Mühlichen

Nachdem Antanina Chumakova, die in der Geschichtswerkstatt Leonid Lewin in Minsk Referentin ist, uns fachkundig und detailreich durch die Wanderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“ im IBB in Minsk führte, fahren  wir aus dem Zentrum der stark sowjetisch geprägten Stadt und halten bald darauf an einem Fleckchen Grün. Ein mit Pappeln gesäumter Weg führt unscheinbar zu einem Ort, der vor einigen Jahrzehnten noch ein Zwangsarbeitslager war, man nennt ihn Malyj Trostenez. Doch auch damals soll es unscheinbar gewesen sein – einige Baracken wurden errichtet, Zäune soll es nicht gegeben haben, die europäischen Jüd*innen, die hierhin deportiert wurden, hätten durch die Sprachbarriere sowieso keine Chance gehabt, einen Fluchtversuch zu überleben, erzählt uns der belarussische Historiker Alexander Dalgowskij. Er führt uns an den Mahnmalen des Holocausts vorbei, die erst 2015 errichtet wurden, als öffentlich wurde, dass die vorherige Gedenkstätte am „falschen“ Ort stand. Alexander hat sich ausführlich mit dem Thema befasst und zeigt uns die historischen Fehler, die trotzdem auf den Tafeln zu finden sind: ungenaue Daten, zu hohe Opferzahlen, die Nichterwähnung von Ghettos. Es hätte schnell gehen müssen, meint Alexander, die historische Genauigkeit sei dabei auf der Strecke geblieben. Was auch erstaunt: Jüd*innen werden nicht unter den Opferkategorien genannt. Für Alexander ist ein Grund dafür, dass die Außerordentliche Kommission der Roten Armee keine jüdischen Opfer vorgefunden hatte – der Großteil der Lagerinsassen wurde 1944 erschossen und ihre Leichen verbrannt. Die wenigen Beweisfotos zeigen hauptsächlich belarussische Leichen.

Alexander erzählt unentwegt von den Verbrechen der Nationalsozialisten und von den Versuchen, diese historisch aufzubereiten, während er uns zu einem weiteren Ort der Vernichtung fährt: Blagowschtschina. Wir laufen über hölzerne Platten und Sand vorbei an halbfertigen Mauern – die Gedenkstätte hier ist gerade noch im Bau. Sie wird nach dem Entwurf des Architekten Leonid Levin gestaltet und soll am 29. Juni dieses Jahres mit Beteiligung des deutschen, österreichischen und belarusssischen Präsidenten eingeweiht werden.

Wir erreichen eine Waldlichtung. Wüssten wir nicht um die Tausende Jüd*innen, die hier zusammengetrieben und erschossen wurden, und hätten wir nicht die Baustelle hinter uns, würde auch sie nur einem, unscheinbaren, wenngleich seltsamen mit Gras überwachsenen Rechteck anmuten. Doch an einer Seite finden wir etwas Besonderes: gelbe, laminierte A4-Blätter, die an den Bäumen in der Nähe der Lichtung angebracht worden sind und die das tun, was die offiziellen Stellen hier bisher versäumt hatten: sie zeigen die Namen der Opfer. Verwandte der Ermordeten aus Wien haben diese Initiative namens „Malvine – Maly Trostinec erinnern“ gegründet. Ihr folgten weitere Spendenaufrufe und Initiativen aus Deutschland und Belarus, die sich auch heute noch für eine offenere Erinnerungskultur einsetzen. Dass in Blagowschtschina nun, im Jahre 2018, eine große Gedenkstätte gebaut wird und der dortige Militärübungsplatz verlegt wurde, ist ein wichtiger Schritt.

Mehr Informationen zur Gedenkstätte Malyj Trostenez zum Beispiel auf der Internetseite des IBB Belarus, Weiteres zur Initiative Malvine und dem österreichischen Verein IM-MER erfahrt ihr hier.